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Vita - in epischer Länge
 
                                   

Meine Geburt datiert angeblich auf den Oktober des Jahres 1957, obwohl ich mich gelegentlich

beim Blick in den Spiegel frage, ob Ziffer zwei nicht eigentlich  eine 8 sein müsste. Doch ich

konnte den damals  damit befassten Standesbeamten nicht mehr befragen. Er soll im Ersten

Weltkrieg gefallen sein, was mein Misstrauen gegenüber diesem Detail meiner Geburtsurkunde

noch weiter geschürt hat.  Aber meine Eltern weigern sich partout, sich näher zu diesem Punkt

zu äußern. So gehe ich weiter mit einer Ungewissheit durchs Leben: Möglicherweise ein

uraltes Adoptivkind zu sein.

 

Aber jetzt ernsthaft: Ich wurde wohl in einem abgelegenen Bergdorf in der Eifel namens Mayen geboren.

Daich schon als Kleinkind diese eng beieinander stehenden Augen mit Schurkenblick hatte (siehe Foto),

sah mein Vater nur einen Ausweg, sich mir gegenüber Respekt verschaffen zu können: Er ergriff zunächst

denBeruf eines Polizisten. Aber das half überhaupt nicht: Auch gegen seinen Willen waren meine Windeln

regelmäßig voll. Kinderpsychologen haben ja inzwischen herausgefunden, dass volle Windeln ein Ausdruck

purer Bosheit sind.

Als Vater 1963 nach Koblenz versetzt wurde, kamen meine Eltern nach langem Beraten und dem Besuch

eines Schamanen doch noch überein, mich trotz allem mitzunehmen. Nachdem ich versprochen hatte,

fürderhin auf Windeln zu verzichten, wurde ich 1964 sogar in der Schenkendorf-Grundschule in der

Koblenzer Südstadt aufgenommen. Zunächst einmal nur auf Probe für vier Jahre - bei vollem

Rückgaberecht.

Um meine Hausaufgaben besser verstehen zu können und mich bei meiner erhofften Schulkarriere noch

besser fördern zu können, studierte mein Vater mit über 30 Lenzen noch einmal Pädagogik und wurde

Lehrer.Meine zu dieser Zeit aufblühende Karriere als Messdiener in St. Josef wurde jedoch jäh durch

meine Beförderung auf das Görresgymnasium in einem ganz anderen Stadtteil zerstört. Meine Verzweiflung

über den Verlust dieses vielversprechenden Berufszweiges sollte jedoch nach ein paar Jahren durch sich

einstellenden schulischen Erfolg gemildert werden. Ich begegnete einem alten Schulkameraden meines

Vaters in Form eines Mathematik-Lehrers, der mich aufopferungsvoll zu meiner ersten 5 geleitete.

 

Nachdem wir 1974 die Fußballweltmeisterschaft gewonnen hatten, zogen meine Eltern nach Remscheid,

obwohldie Fußballplätze im Bergischen Land schräg liegen und die Bälle immer in eine Ecke rollen. Dort

hat mandeshalb ja auch den Seitenwechsel erfunden. Wie ich dann erfuhr, hatte der Umzug gar nichts

mit Fußball zu tun. Es war mal wieder der Lehrer-Beruf meines Vaters. Und über ihn lernte ich eines Tages

den Pfarrer der dortansässigen Justizvollzugsanstalt kennen. Mit der Folge, dass ich nach all den

entbehrungsreichen Jahren ohneKirchendienst zum katholischen Anstalts-Organisten avancierte und mir

als Abiturient ein paar Mark verdienenkonnte. Mein Chor bestand aus sieben zu lebenslanger Haft

verurteilten Männern. Ich frage mich heute noch, warum wir niemals zu einem Gastauftritt bei den

Regensburger Domspatzen eingeladen wurden.

 

 

Konsequenterweise zog es mich dann aber auch nach dem Abitur 1977 wieder unter Männer: Ich

verpflichtetemich für zwei Jahre bei der Bundeswehr. Die Grundwehrzeit war damals auch nur 3 Monate

kürzer, aber umzwei Drittel schlechter bezahlt. Die Frage einer Verweigerung hatte sich mir nicht gestellt.

Der "Eiserne Vorhang"war zu jener Zeit noch eine bittere Realität. Und Selbstverteidigung gegen einen

Angreifer halte ich bis heute fürgerechtfertigt. Dass manche Regierungen durch herbei lügen von angeblichen

Bedrohungen und zur Wahrungder Menschenrechte Kriege anzetteln, um in Wahrheit an Öl zu gelangen,

ist natürlich eine üble Heuchelei. Auch als Soldat darf man sein Gewissen nicht aufgeben. Daraus ergibt sich,

dass die einzige zu rechtfertigendeAufgabe eines Soldaten die ist, sich schützend vor diejenigen zu stellen,

die sich gegen einen Angreifer selbstnicht schützen können. So romantisch verklärt es auch klingen mag:

Als Offizier habe ich mich in der Traditionder "guten Ritter" gesehen. Nur das irgendeiner vergessen hatte

mir eine passende Burg zu vererben.

 

In jenem Jahr 1977 machte ich jedenfalls gleich drei markante Erfahrungen: Wie sich das Ende von 13

Schuljahrenanfühlte, wie sich das Ende der ersten Liebe anfühlte und wie es sich anfühlte, mit gebrochenem

Herzen in netter Gesellschaft anderer in adrettem Grün gekleideter Kameraden im Dreck zu liegen. Meine

Dienstzeit endete zwarim Sommer 1979, doch wegen des verantwortungsvollen und mich beeindruckenden

Verhaltens einiger jungerVorgesetzter beschloss ich, selbst auch Reserveoffizier zu werden. Nachdem ich

privat die Fallschirm-Freifalllizenzerworben hatte, wechselte ich als junger Leutnant der Reserve zu den

Fallschirmjägern, wo ich schließlich im Stab der 1. Luftlandedivision in Bruchsal 1989 abschließend zum

Hauptmann d. R. befördert wurde. Die Einheit wurde1994 aufgelöst und so endete meine Laufbahn als

Reserveoffizier. Aber ich hatte ja 1979 nach dem Ende meiner aktiven Dienstzeit mit dem Biologiestudium

in Bonn begonnen. Durch die Biologie erhoffte ich mir einen Beruf in freier Natur in spannenden

Landschaften.

Zunächst war jedoch so etwas wie das Sezieren äußerst übel riechender südamerikanischer Riesenschaben

der markante Höhepunkt der erstenSemester. Die ebenfalls sezierten Frösche durften wir nicht einmal mit nach

Hause nehmen, um sie dort einerangemessenen kulinarischen Entsorgung zuzuführen. Ein eindeutiger Hinweis,

dass unsere Professoren keinefranzösischen Vorfahren hatten.

Dann wurden mir die Fächer Chemie und Physik so quälend unverständlich wie eine Wohnungskündigung in

sumerischer Keilschrift. Und schließlich stellte sich ein nicht zu bewältigender Chemieschein nachhaltig

zwischenmich und eine geordnete bürgerliche Existenz. Nach ein paar Schnupperversuchen in anderen viel

versprechendenStudiengebieten - ich erinnere mich an Vorlesungen zur "Didaktik der Pferdezucht auf

Spitzbergen" oder "Betriebswirtschaftliche Aspekte beim Verkauf von Kartoffelerntemaschinen in

Reisanbaugebieten" - gab ichdas Studieren auf.

ABER: In den Zeiten langer Semesterferien hatte ich während ausgedehnter Skandinavien-Reisen bis über den

Polarkreis hinaus eine für mein Leben bedeutende Entdeckung gemacht: Ich hatte meine Begeisterung für

den Norden und für das Fotografieren und Schreiben entdeckt. So fand ich meine Berufung - und meinen Beruf.

Ich reiste und fotografierte und schrieb und belieferte schließlich mit meinen Foto- und Reisereportagen

insgesamt 29 verschiedene Magazine und Zeitschriften.

 

Wenn ich für meine Artikel oder Bücher eine Marktfrau in Helsinki fotografierte, mit einem Wolfsforscher in

Mittelschweden sprach, einen Bärenexperten in Nordfinnland interviewte, einen lappländischen Rentierhirten

mitseinen Tieren im Schnee fotografierte oder einen uralten nordnorwegischen Fischer auf seinem Boot: Dann

warich genau da, wo ich sein wollte. In grandioser Natur und umgeben von vielen sehr anhänglichen Freunden,

deren Namen ich wieder vergessen habe. Kein Mensch kann sich die Namen all dieser Stechmücken merken.

 

1989 erschien mein erster Bildband "Weite des Nordlichts - Lappland". Und ich heiratete meine Verlobte

Gabriele,deren Namen sie auch auf einigen meiner Bildbände sehen, weil ich einige ihrer Fotos eingebaut

hatte. Denn wäre mir damals etwas zugestoßen, so hätte sie zumindest ein paar auffällige Arbeitsproben

mit ihrem Namen inder Hand gehabt, für was auch immer.

1991 zogen wir wenige Monate nach der Geburt unseres ersten Sohnes von Bonn nach Heckhuscheid an der

belgischen Grenze. 1992 wurde unser zweiter Sohn geboren. In den Sommern 1992, 1993 und 1994 nahm

ichmeine ganze Familie mit auf meine drei größten Skandinavienreisen. Für meine Bücher "Schweden",

"Skandinavien" und "Finnland" waren wir insgesamt neuneinhalb Monate und 29.000 km unterwegs. Aber

dann waren solch weite "Familien-Ausflüge" wegen des anstehenden Schulbeginns der Kinder nicht mehr

möglich. Wir beteiligten uns aneiner Initiative zur Gründung einer neuen Schule und zogen dazu in den Kreis

Vulkaneifel. Und anstatt ohne FamilieSkandinavien zu durchreisen, widmete ich mich zunehmend meiner Heimat

- der Eifel. Kaum dass ich damitbegonnen hatte, stellte mich SWR 3 aus Anlass des 50. Geburtstages von

Rheinland-Pfalz auch schon erstmals in einem Fernsehporträt als „Der Eifelfotograf“ vor.

 

"Passend" zum Jahrtausendwechsel trennten sich meine Frau und ich nach zwanzig gemeinsamen Jahren -

am31. Dezember 1999.

Nach der Scheidung blieben die Jungs bei ihrer Mutter. Und zu ihrem Glück blieben ihre Eltern so etwas wie

kommunikationsfähige "Freunde". Mein größtes Glück ist es aber, dass meine Söhne mich bis heute ihre

Zuneigung spüren lassen. Wir machen immer wieder mal etwas gemeinsam oder verreisen auch zusammen

inden Sommerferien.

Um den Jahrtausendwechsel arbeitete ich auch etwa drei Jahre als freier Mitarbeiter für die einzige in der

Vulkaneifel arbeitende Tageszeitung "Trierischer Volksfreund". Als aber die Redakteure mit digitalen Kameras

ausgestattet wurden, verloren die "alten" Fotografen erheblich an Bedeutung. Das Fotogeschäft wurde dann

auch insgesamt in den letzten Jahren immer schwieriger und ich musste mich wieder mehr auf meine zweite

bescheidene Kompetenz besinnen: auf das Schreiben.

Und da ich immer ein begeisterter Krimileser war, lag der Schritt zum ersten eigenen Krimi quasi in der Luft,

bevor er konsequenterweise auch gedruckte Realität wurde. Michael Ende soll gesagt haben "Erfolg ist eine

Portofrage". Ich wähnte mich also auf dem sicheren Weg zur goldenen Ehrennadel der Deutschen Bundespost.

Aber nach einer Briefmarke kam schon das Ende. Beim Kölner Emons Verlag muss die diensthabende

Raumpflegerin an jenem Tag mein heruntergefallenes Manuskript auf den anderen Stapel unter dem Stichwort

"Angenommen"zurückgelegt haben. Und sie haben es immer noch nicht bemerkt. Behalten Sie das aber bitte

für sich.

Seit Anfang 2000 wohne ich nun in Daun-Neunkirchen, also mitten in der Eifel. Was könnte für einen

Eifel-Autorbesser sein, als im Zentrum seines Arbeitsgebietes angesiedelt zu sein.

Inzwischen haben wir den Herbst 2014 erreicht. Nach 14 Büchern arbeite ich weiter an neuen Buchprojekten -

ist ja auch noch ein Weg bis zu vollen 100.

 

Meine wunderbaren Jungs sind mir weiterhin ein stabiler "Anker" im unruhigen Meer des Lebens.

 

 

an meinem 52. Geburtstag

 

 

www.hans-juergen-sittig.de